»Stolperstein« Projekt in Verden wird am 1. Oktober 2021 mit 21 neuen »Stolpersteinen« fortgesetzt

„Nein, nein, man stolpere nicht, fällt nicht hin“, antwortet Gunter Demnig auf eine sehr häufig gestellt Frage. Man stolpere mit den Augen und Herzen über Schicksale, habe Gelegenheit innezuhalten. Um die Inschriften zu lesen, müsse man sich bücken, man verbeuge sich gleichsam vor den Opfern.

Bei den bisher fünf Terminen seit 2007 hat der europaweit engagierte Aktionskünstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Verfolgten und Opfer des NS-Diktatur bereits 81 „Stolpersteine“ , 10 cm mal 10 cm kleine dezentrale Gedenktafeln (Messingplatten auf Betonbasis), im Verdener Gehwegpflaster verlegt: URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_im_Landkreis_Verden

Zu den 56 Steinen, die in der Vergangenheit verlegt wurden, können Biografien zu jüdische MitbürgerInnen, politisch Verfolgten, Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer und Homosexuellen abgerufen werden: URL: http://www.regionalgeschichte-verden.de/Unterseiten/Stolpersteine.htm

Seit der sog. „Machtergreifung“ der Nazis 1933 rassenantisemitisch verfolgte, geflüchtete, entwürdigte, ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubte, ausgeplünderte, verhaftete, deportierte und ermordete Menschen werden symbolisch nach Hause zurückgeholt. Ein weiteres Anliegen des Künstlers ist es, im Gedenken die Familien wieder „zusammenzuführen“. Das heißt, dass auch die überlebenden Familienmitglieder, denen noch rechtzeitig die Flucht ins sichere Ausland gelang, einen Stein erhalten. Gunter Demnig verlegt 14 „Stolpersteine“ vor den ehemaligen Wohnungen der Familien Löwenstein, Goldmann, Friedman, Steinberg, Jonas und Rothschild in der Großen Straße. Außerdem wird vor dem ehemaligen Textilhaus Seckel in der Großen Straße 82 ein „Stolperstein“ für den damaligen Geschäftsführer Ernst Philippsohn in das Pflaster eingelassen. Ein weiterer Gedenkstein wird vor der Wohnung der Familie Katzenberg in der Stifthofstraße 7/9 verlegt. Sechs „Stolpersteine“ sollen an politisch Verfolgte erinnern. Für das Ehepaar Berta und Wilhelm Schäfer mit ihren beiden Söhnen in der Großen Straße 62, Leopold Bartels in der Brückstraße 5 und Fritz Hartje in der Straße Piepenbrink 17.

20 Personen, an die ein „Stolperstein“ erinnert, haben die „Nazi-Hölle“ (Zitat Hanni Friedman) überlebt. Mit seinem Leben bezahlen musste der 34-jährige Friedrich Ellermann, weil er als „geistig minderwertig“ (Eintrag in seiner Verdener Meldekarte) galt und am 12. Mai 1944 in der Krankenanstalt Meseritz-Obrawalde ermordet wurde. Sein Gedenkstein wird vor dem Haus in der Straße Hinter der Mauer 10 verlegt. Finanziert werden die Stolpersteine durch private Spenden. Die Spenderinnen bzw. Spender übernehmen die Patenschaft für einen Stein, sie übernehmen z. B. dessen Pflege, achten auf dessen Unversehrtheit. Ein Stolperstein kostet einschließlich Vorbereitung, Herstellung und Verlegung durch die „STIFTUNG-SPUREN-Gunter Demnig“ 120 €. Für die Übernahme einer Patenschaft gibt es keine Altersbeschränkung. Auch geteilte Patenschaften sind möglich, z. B. für Betriebe, Vereine, sehr gern auch Schulklassen oder Jugendgruppen. Der Verein „doz 20“ sammelt die Spenden ein, stellt Spendenquittungen aus und überweist den Betrag an die Stiftung. Der Stolperstein geht nicht in den Besitz der/des Patin/Paten über.Die Recherchen zu den Schicksalen der Opfer führten Werner Schröter und Dr. Joachim Woock durch. Sie sind auch die Organisatoren für dieses „Stolperstein“-Projekt. Für das Jahr 2022 ist bereits die nächste Verlegeaktion mit ca. 22 „Stolpersteinen“ geplant.

Autor: Dr. Joachim Woock

dr joachim woock

Hanni Baumgarten, verh. Friedman (1) (Stolperstein Große Str. 56)

Hanni Baumgarten wurde am 13.10.1920 in Erfurt geboren. Ihr Vater Salomon Baumgarten (1879-1925) stammte aus Achim und Ihre Mutter Berta, geb. Höxter (1890 – 1929) aus Treysa in Hessen. Nach dem frühzeitigen Tod auch der Mutter fanden sie und ihr vier Jahre jüngerer Bruder, nun unter Vormundschaft stehende Vollwaisen, Aufnahme bei Schwestern ihres verstorbenen Vaters, Hanni bei Henriette Goldschmidt (Große Str. 56) und Horst (2) bei Amalie Löwenstein (Große Str. 43).
Hanni Baumgarten setzte ihren Grundschulbesuch an der Nikolaischule in Verden fort und wechselte 1931 auf das Städtische Lyzeum (heute Gymnasium am Wall). Der jüdische Religionsunterricht fand in der Synagoge statt. Sie leide sehr unter den Ereignissen des Jahres 1933, hat ihr Klassenlehrer Dr. Ropers für das Jahr 1934 im Beobachtungsbogen der Schule notiert. (3) Nicht minder litt sie unter der Ausgrenzung durch Mitschülerinnen. Alle Schülerinnen seien im Bund deutscher Mädel (BDM), heißt es im Schulbericht für das Schuljahr 1936/37. (4) Dennoch hielt sie unter enormem Notendruck stehend bis zur Sekundareife im Jahre 1937 durch. Als „Nichtarierin“ blieb ihr nach eigener Aussage das angestrebte Abitur verwehrt. (5) Die begonnene Schneiderlehre in einem jüdischen Modesalon in Bremen musste sie ebenfalls aufgeben.
Nach der Pogromnacht am 09./10.11.1938 war ihr „klar, dass Juden keinerlei Aussicht hatten, in ihrer Heimat friedlich zu leben.“ Am 01.01.1939 musste sie den zusätzlichen Zwangsvornamen Sara annehmen. Sie entdeckte für sich den Zionismus und stellte daher am 07.01.1939 einen Ausreisantrag nach Palästina, gegen den von Seiten der beteiligten NS-Dienststellen, u.a. der Gestapo, und Behörden, u.a. das Finanzamt, keine Einwände erhoben wurden. Nachdem sie auch diverse Verpflichtungserklärungen, u.a. im Ausland nicht staatsfeindlich tätig sein zu wollen, abgegeben hatte, erhielt sie den auf den Namen Hanni Sara Baumgarten ausgestellten und mit einen großen roten „J“ gekennzeichneten Reisepass. (6) Sie meldete sich am 25.10.1939 nach Ahrensdorf in Brandenburg ab. Dort befand sich eine Hachschara-Ausbildungsstätte, die Jugendliche auf das Leben in dem „schon in der Bibel verheißenen Land“ und v.a. die landwirtschaftliche Pionierarbeit dort vorbereitete. (7)
Mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen begann am 01.09.1939 der Zweite Weltkrieg. Eine legale Einreise in das britische Mandatsgebiet war nicht mehr möglich. Um aber „der Nazihölle zu entrinnen“, schloss sich Hanni Baumgarten mit ihrer Ahrensdorfer Gruppe im September 1940 einem von „ jüdischen Organisationen organisierten sog. illegalen Transport“ nach Palästina an. (8) Laut Meldung des Zollamts Verden an die Ortspolizeibehörde Verden, den Bürgermeister, wanderte sie am 30.05.1940 nach Palästina aus. Das mit der Auflage, „das Land nicht betreten zu dürfen“, ausgestellte Einreisevisum für Paraguay konnte und wollte sie nicht in Anspruch nehmen.
„Die Nazis waren zwar einerseits daran interessiert, dass Juden Deutschland verlassen, auf der anderen Seite legten sie den Auswanderern alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg.“ Durch einen Erlass des Reichswirtschaftsministeriums vom 05.12.1938 sollte die „jüdische Kapitalflucht“ verhindert und eine „planmäßige Sicherung jüdischen Vermögens“ gewährleistet werden. Mehr oder minder zur Auswanderung gezwungene, insbesondere vermögende Jüdinnen und Juden sollten möglichst schnell abgeschoben werden. Wertgegenstände und Devisen durften bis auf 10,– RM pro Auswanderer/in nicht ausgeführt werden. Hanni Baumgarten, die von ihren Eltern „ein nicht unbeträchtliches Vermögen“ geerbt hatte, überlebte völlig mittellos die monatelange und lebensbedrohliche „Odyssee“ zunächst per Bahn nach Wien und Bratislava, von dort auf Donaudampfern „unter der Hakenkreuzfahne“ zum Schwarzen Meer (9) und schließlich auf dem Seeweg durch den Bosporus mit Zwangsaufenthalten wegen Kohlenmangels vor Kreta und Zypern nach Palästina. (10) Ca. 1.100 Flüchtlinge wurden in einen „klapprigen“ Dampfer ohne genügend Proviant und Trinkwasser bei minimalen hygienischen Bedingungen „gepfercht“. Typhus brach aus.
Am 01.11.1940 erreichte das Schiff, begleitet von britischen Kriegsschiffen, den Hafen von Haifa. Die Briten verweigerten die Einreise. „Für die Deutschen waren wir als Juden Staatsfeinde und für die Engländer waren wir als Deutsche feindliche Ausländer.“ Die Flüchtlinge mussten auf ein im Hafen liegendes interniertes französisches Passagierschiff, die „Patria“, umsteigen, um sie in die „weit abgelegene britische Kolonie Mauritius zu deportieren.“ Kibbuznikim (11) versorgten die „Patria“ mit Kohle und Proviant. Agenten der jüdischen Widerstandsgruppe Hagana(h) gelang es, Sprengstoff an Bord zu schmuggeln. Das Auslaufen des Schiffes sollte verhindert werden. Die Sprengkraft der angebrachten Dynamitladung war jedoch falsch berechnet. Die ausgelöste Explosion war gewaltig. Die „Patria“ sank innerhalb von ca. 15 Minuten. Über 250 Menschen verloren am 25.11.1940 ihr Leben im Hafen von Haifa. (12)
Hanni Baumgarten konnte sich schwimmend ans Ufer retten. Sie wurde entdeckt und im Quarantänecamp Atliet „hinter Stacheldraht (…) unter schrecklichsten Bedingungen“ interniert. Die Lebensmittelversorgung dort sei völlig unzureichend gewesen. Nach 10 Monaten wurde sie nach Nathanya zu dem bereits 1934 mit Ehefrau und zwei Kindern ausgewanderten ehemaligen Verdener Rechtsanwalt Dr. Gustav Löwenstein, nun Hotelier, entlassen. Seine Ehefrau Berthilde, Tochter von Julius und Amalie Löwenstein, war ihre Cousine.
Seit 1943 wohnte sie in Bat Yam bei Tel Aviv, „heiratete (ihren) auch aus Deutschland stammenden Mann“ und war „stolze Mutter eines Sohnes und einer Tochter.“ Hanni Friedman nahm an allen drei Treffen ehemaliger jüdischer Einwohner/innen 1989, 1993 und 1997 in Verden teil. Sie hat sich sehr um die Dokumentation des Schicksals Verdener Holocaustopfer verdient gemacht, wie die „Central Database of Shoah Victims‘ Names“ in Yad Vashem ausweist. Hanni Friedman, geb. Baumgarten, verstarb am 02.06.2008 (13)

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1 Name lt. Stolperstein-Inschrift! Diese Biografie basiert in wesentlichen Teilen auf den Informationen zu ihrem Lebenslauf, die Hanni Friedman in einem Brief vom 31.08.1985 an den Autor, einem in den Verdener Nachrichten vom 14.07.1988 erschienenen Zeitzeugenbericht sowie zwei Zeitzeugenberichten 1993 (zusammen mit ihrem Ehemann Meir H. Friedman) und 1997 (zusammen mit ihrem Bruder) im Gymnasium am Wall gegeben hat. S. dazu auch Verdener Aller-Zeitung vom 11.09.1993 und Verdener Nachrichten vom 11.09.1993 und 10.09.1997. Zitate sind als solche gekennzeichnet.
2 Horst Baumgarten überlebte dank der Rettungsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes kurz vor Kriegsende das KZ Theresienstadt. Er nahm nach seiner Auswanderung in die USA den Vornamen Henry an. An ihn erinnert ein Stolperstein in der Großen Str. 43.
3 Archiv des Gymnasiums am Wall Dr. Karl Ropers war seit dem 01.05.1933 NSDAP-Parteimitglied und seit 1933 auch Kulturwart der NS-Kulturgemeinde und Fachschaftsleiter des NS-Lehrerbundes (NSLB). Vgl. Hermann Deuter / Joachim Woock (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 93)
4 Archiv des Gymnasiums am Wall Außer Hanni Baumgarten gab es noch eine zweite Schülerin jüdischen Glaubens an der Schule: Inge Alexander (sogar bis 1939). Eine Mitgliedschaft zumindest dieser beiden Schülerinnen im BDM war völlig ausgeschlossen.
5 Das war für Verdener Schülerinnen, die die damals offiziell so bezeichnete Sekundareife erworben hatten, nur an auswärtigen Schulen, z.B. in Bremen, möglich.
6 Die sich im Stadtarchiv Verden befindlichen Dokumente zur Auswanderung Hanni Baumgartens (Rep. III, „Pascheberg-Akten“) hat Dr. Björn Emigholz in einer Materialsammlung für den Schulgebrauch 2007 herausgegeben. Die Annahme des zusätzlichen Zwangsvornamens „Sara“ für alle Jüdinnen zum 01.01.1939 „laut gesetzlicher Bestimmung“ hat sie am 21.12.1938 bestätigt.
7 Hachschara (hebr.): Ertüchtigung. Gegründet 1936 durch den zionistisch-sozialistisch orientierten jüdischen Pfadfinderbund Makkabi Hazair (junge Makkabäer). Wann Hanni Friedman in diesen Pfadfinderbund eingetreten ist, ist nicht bekannt.
8 Zu den Aufgaben z.B. der durch Völkerbundsmandat legitimierten „Jewish Agency“ (JA) gehörte auch die Organisation der „Alija“ (Aliah), der jüdischen Immigration nach Palästina. Angesichts drohender Kriegsgefahr in Europa und als Konzession an die aufständischen palästinensischen Araber war seit dem 17.05.1939 die Einwanderung von Jüdinnen und Juden nach Palästina auf 75.000 pro Jahr kontingentiert.
9 Hanni Friedmann nennt als Zielhafen Konstanza. Andere Quellen (URL:https://www.deutschlandfunkkultur.de/dramatische-flucht-vor-den-nazis.1079.de.html?dram.article_id=22685) nennen den Hafen von Tulcea als Ort der Umschiffung der Flüchtlinge. Es wurde für 3500 bis 4000 Flüchtlinge (unterschiedliche Zahlenangaben in den Quellen) nicht nur aus Deutschland ein Konvoi von drei Schiffen zusammengestellt: die „Milos“, die „Atlantik“ und die „Pazific“. An Bord des letzteren befanden sich die von Hanni Friedman gennannten ca. 1100 Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich.
10 Dr Kohlenachschub wurde laut Verdener Nachrichten vom 14.07.1988 von einem Herrn Staufer organisiert. Dabei dürfte es sich um Berthold Storfer gehandelt haben. Laut Jürgen Rohwer (URL:https://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/ksp/schwarzmeer/juden_flucht_schiffe.htm) war er Mittelsmann zu Adolf Eichmann. Nach (URL:https://en.wikipedia.org/wiki/Patria_disaster) organisierte die unter seiner Leitung stehende Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien, faktisch eine SS-Dienststelle für Ausplünderung, diesen Flüchtlingstransport auf den genannten drei Schiffen von Tulcea nach Palästina „to make trouble for Britain as well as to get rid of Jews.“
11 Mitglieder eines Kibbuz, einer der Idee nach zionistisch-sozialistisch ausgerichteten genossenschaftlichen Siedlung.
12 Unterschiedliche Zahlenangaben in den Quellen! Laut Hanni Friedman liegen 250 Opfer auf dem Friedhof von Haifa. Laut Wikipedia z.B. (s. Fußnote 10) wurden 267 Personen als vermisst gemeldet, über 200 jüdische Flüchtlinge sowie 50 Crew-Mitglieder und britische Soldaten. Es gab 172 Verletzte.
13 E-Mail von Yael Friedmann (Israel) vom 16.09.2021

Autor: Werner Schröter

Berta und Wilhelm Schäfer mit den Söhnen Horst und Ernstadolf

Die 1902 geborene Berta Klose war nach dem Besuch der Mittelschule und einer einjährigen Wirtschaftslehre als Telefonistin tätig. 1932 schloss sie sich in Detmold der KPD an, der auch ihr Ehemann Wilhelm Schäfer angehörte. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Wilhelm Schäfer aus dem lippischen Staatsdienst entlassen. Berta Schäfer hielt ihre politischen Kontakte weiterhin aufrecht, beteiligte sich an der Verbreitung von Flugblättern der illegalen KPD und unterstützte politisch Verfolgte und deren Familien. Nach einer ersten Festnahme 1933 wurde sie im August 1934 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach ihrer Haftentlassung stand Berta Schäfer unter Beobachtung der Gestapo und hatte unter beruflichen Repressionen zu leiden. Sie lebte inzwischen mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen im niedersächsischen Verden, hörte nach Kriegsbeginn regelmäßig ausländische Radiosender ab und gab die Informationen beim Einkaufen und auf der Arbeit an andere Frauen im Ort weiter. Sie wollte damit das Nachrichtenmonopol der Nationalsozialisten durchbrechen und über den tatsächlichen Verlauf des Krieges aufklären.

Berta Schäfer wurde am 19. Januar 1943 vom Sondergericht Hannover wegen „Rundfunkverbrechen“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Ende März 1945 konnte sie aus einem Außenkommando des Zuchthauses Lübeck-Lauerhof fliehen und sich bis zum Kriegsende verstecken.
Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Informationen zur politischen Bildung, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Nr. 330, 2/2016, S. 36.

Nach dem Krieg war sie ehrenamtliche Betreuerin für ehemalige KZ-Häftlinge und Erste Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) im Kreis Verden. Für zwei Monate war sie 1946 Mitglied des ernannten Hannoverschen Landtages und Mitglied des Stader Bezirkslandtages. 1948 ließ sich das Ehepaar scheiden. Drei Jahre später heiratete sie Hans-Philipp Behr, der 1956 verstarb. Berta Behr siedelte 1976 nach Ost-Berlin um, wo sie ein Jahr später verstarb.

URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Berta_Sch%C3%A4fer_(Politikerin)

Wilhelm Schäfer, 1897 in Detmold geboren, arbeitete als Buchhalter bei der Deutschen Bank in Detmold und danach als Regierungsangestellter. Er heiratete 1929 Berta Klose und 1938 zog die Familie nach Verden. Dort erhielt er eine Anstellung bei der Kreissparkasse. Die Familie wohnte eine Dienstwohnung im Gebäude der Kreissparkasse in der Großen Straße 62. Nach der Verurteilung seiner Frau im Jahre 1943 wurde er entlassen. Ferdinand Schmidt, Besitzer der Futterkonservierungs-Gesellschaft (Defu) in Verden, gab ihm eine Arbeit als Schweißer. Martha Schmidt hörte zusammen mit dem Ehepaar Schäfer Radio Moskau. Ihr Mann hatte Wilhelm Schäfer als kriegswichtigen Mitarbeiter „uk“ (unabkömmlich) stellen lassen und bewahrte ihn so vor der Einberufung zur Wehrmacht. Berta Schäfer schickte illegale Briefe aus dem Zuchthaus an die Geschäftsadresse der Defu. Nach der Scheidung 1948 siedelte er in die DDR über und lebte ab 1971 als Bienenzüchter in Gotha. Später zog er in die Bundesrepublik an einen Ort an der Weinstraße, wo er starb dort 1982 starb.

Horst Schäfer, 1930 in Detmold geboren, ging in Verden auf das Domgymnasium, und wurde dort von Schülern gemobbt als Sohn einer Mutter, die im „Kittchen“ saß. Er litt so darunter, dass er anfing stark zu stottern. Anfang der 1950er Jahre siedelte er in die DDR über und studierte Journalistik. Danach war er als Korrespondent in der Bundesrepublik und den USA tätig. Er verstarb 2020 in Berlin.

URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Sch%C3%A4fer_(Journalist)
Horst Schäfer: Befreiung im Moor, in: Ossietzky. Zweiwochenzeitschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft. Hrsg. von Matthias Biskupek u. a., H. 9, 2015; URL: https://archiv.ossietzky.net/9-2015&textfile=3061. (Bericht über den Zuchthausaufenthalt seiner Mutter und das Untertauchen der Familie bei Armsen).

Ernstadolf Schäfer wurde 1934 in Detmold geboren. Auch er litt in der Schule unter der Häme seiner Mitschüler. Er zog mit 16 Jahren, zusammen mit seinem Bruder, in die DDR. Er arbeitete als Dozent an der Verkehrshochschule in Dresden. Er starb 2016 in Dresden.

Autor: Dr. Joachim Woock

Leopold Bartel

Leopold Bartels wurde 1895 in Verden geboren. Seine Eltern waren Marie Bartels, geborene Wehmeyer und der Barbier und Friseur Johann Bartels. Die Familie wohnte in der Brückstraße 5. Im Spruchgerichtsverfahren von 1948 gegen den ehemaligen Leiter der Verdener Außenstelle des Sicherheitsdienstes der SS (SD) Waldemar Schneider, sagte die ehemalige Schreibkraft Gisela Lange aus: „Mir fällt allerdings ein Fall ein, und zwar betr. dieser den Frisörmeister Bartels, Brückstraße. Dieser hatte in seinem Hause ein Radiogerät, mit dem er Auslandssender hörte. Bei ihm bestand ein Treffpunkt von Fremdarbeitern aller Nationen, vor allem von Franzosen, die sich auf diese Weise Nachrichten aus dem Auslande besorgten. Ob gegen diese Frisör etwas veranlasst worden ist, habe ich nicht in Erfahrung gebracht. Herr Sch. [Schneider] hat sich mit dem Frisör mehrfach unterhalten und ihn in seiner Wohnung aufgesucht. Über die Verhältnisse ist dem SD-Abschnitt berichtet worden.“
Quelle: Bundesarchiv Koblenz, Z 42 VII/2409, S. 107.

Leopold Bartels beantragte nach dem Krieg eine Wiedergutmachung wegen seiner antinationalsozialistischen Einstellung. Leider fehlt in der Akte sein Lebenslauf. Der Tatbestand für seine Verurteilung wird nicht konkret benannt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er der Schwarzhörer war, von dem die Sekretärin der Verdener SD-Dienststelle berichtete.
Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Stade, Rep. 210, Nr. 87. Anhand der Meldeunterlagen geht hervor, dass er zunächst als Friseur, dann als Reisender und Handelsvertreter beruflich tätig war. Ab 1943 arbeitete er für die Schilderfabrik Groß in Erbach (Westerwald).

Inhaftierungen:
Im April 1942 war er für sechs Tage in Schutzhaft im Verdener Landgerichtsgefängnis
Vom 30.04.1942-01.05.1942 Schutzhaft im Gefängnis Nienburg
Vom 01.05.1942-31.07.1942 Arbeitserziehungslager Liebenau
Vom 08.03.1943-08.05.1943 Landgerichtsgefängnis Verden

Autor: Dr. Joachim Woock

Hans Jonas (Stolperstein: Große Str. 80)

Hans Jonas wurde am 14.09.1906 in Verden geboren. Seine Eltern waren Paul Jonas und Rosette Jonas, geb. Rothenberger. Er hatte drei Geschwister: Alfred (Jg. 1900), Margot (Jg. 1911) und Herbert (Jg. 1917). (1) Seine zuvor in Hameln wohnenden Eltern hatten sich am 10.09.1900 in Verden angemeldet und in der Großen Straße 80 ein Schuhwarengeschäft eröffnet.
Hans Jonas meldete sich nach achtjähriger Pflichtschulzeit am 30.03.1921 nach Vlotho/Weser ab, um dort eine kaufmännische Lehre zu absolvieren. Er kehrte 1922 nach Verden zurück (2) und trat als Handlungsgehilfe in das väterliche Geschäft ein.
Er war befreundet mit dem gleichaltrigen Hans Hildesheimer, der schon 1933 geflüchtet war. Auf Hans Jonas‘ Einwohnermeldekarte ist nachträglich für den März 1934 vermerkt: „Unabgemeldet nach Frankreich verzogen“. Schriftverkehr und Fluchtrouten wurden geheimpolizeilich überwacht, Listen angefertigt. Auf der Nachtragsliste „der bekannt gewordenen Emigranten aus der Stadt Verden“ vom 15.09.1934 findet sich folgende Bemerkung: „J. ist durch den in Frankreich aufenthaltsamen Handl.-Geh. Hildesheimer (…) bewogen, sich nach Frankreich zu begeben. Von beiden muss angenommen werden, dass sie sich als Flüchtlinge ausgeben und gegen Deutschland arbeiten.“ (3)
Im Gegensatz zu Hans Hildesheimer kehrte Hans Jonas nach Verden zurück, und zwar am 21.12.1934. Auf der Suche nach Arbeit begann ein unstetes Leben. Seine nächsten Stationen waren Helmstedt und Rostock. Dort wurde er in der Pogromnacht vom 09./10.11.1938 verhaftet und schon einen Tag später in das Zuchthaus Alt-Strelitz überführt und erst am 02.12.1938 entlassen. (4)
Zur Auswanderung genötigt und ausgestattet mit einem Visum, das ihm Verwandte beschafft hatten, emigrierte er Anfang 1939 nach Bolivien, wo er sich einer Theatergruppe als Schauspieler, Dekorateur, Bühnenmeister und Inspizient zugleich anschloss, die 1951 in Montevideo gastierte. Dort endete auch sein Theaterengagement. Er wurde depressiv und setzte am 19.07.1951 seinem Leben ein Ende, wie es in einem von Hans Hildesheimer überlieferten, undatierten Nachruf in einer deutschsprachigen südamerikanischen Zeitung heißt: „Vielleicht waren es die Jahre im Konzentrationslager, die ihn trotz aller zurückhaltenden Liebenswürdigkeit so menschenscheu gemacht hatten. Er war sehr allein (…). Ein hilfsbereiter, bescheidener Mann hat unseren Kreis so leise verlassen, wie er in ihn getreten war.“ (5)

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1  Für seine Eltern und seine Schwester gibt es bereits Stolpersteine vor dem ehemaligen Geschäfts-und Wohnhaus in der Großen Str. 80, Für seinen jüngeren Bruder Herbert gibt es einen Stolperstein in Stadthagen.
2  Wohnortnachweise: Einwohnermeldebücher 1874 – 1921 der Stadt Verden und Einwohnermeldekarte Hans Jonas 1922ff
3  Stadtarchiv Verden: Rep.III Pascheberg-Akten Nr.14
4  Buddrus, Michael / Fritzlar, Sigrid: Juden in Mecklenburg 1845 -1945, Lebenswege und Schicksale, Ein Gedenkbuch, Bd. 2, Kurzbiografien, Schwerin 2019, S.64
5  Aus dem Nachlass des schließlich nach Südamerika geflüchteten Hans Hildesheimer, zur Verfügung gestellt von dessen Tochter Silvia Zimmermann, geb. Hildesheimer (Sao Paulo). Anmerkung zum Zeitungstext: “Jahre im Konzentrationslager“ sind weder in Verdener noch in Rostocker Archivalien nachweisbar.

Autor: Werner Schröter

Friedrich Ellermann

Friedrich Ellermann wurde 1910 in Verden geboren. Er zog 1935 von Ilten (vermutlich war er dort in einer Heil- und Pflegeanstalt; heute: Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) in den Piepenbrink 8, ein Jahr später zu seiner Mutter Margarete am Mühlenberg 22; 1938 war er Hinter der Mauer 10 gemeldet. Von dort aus wurde er Ende 1940 in die Psychiatrische und Neurologische Klinik in Bremen eingewiesen. Auf der Meldekartei wurde handschriftlich vermerkt: „geistig minderwertig“. Wann er in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde (Provinz Posen) eingeliefert wurde, konnte nicht ermittelt werden. Am 12.05.1944 wurde er dort ermordet.

Autor: Dr. Joachim Woock

Fritz Hartje

Fritz Hartje wurde 1900 in Walsrode geboren. Als Beruf wird in seiner Meldekarte „Händler“ angegeben. Er wohnte im Piepenbrink 17. Seine letzte Tätigkeit übte er als Arbeiter in der Vulkanisieranstalt in Verden aus. Ein Arbeitskollege denunzierte ihn, weil er sich gegen die Regierung ausgesprochen hatte. Die Anklage lautete „Heimtücke gegen Staat und Partei“. Das Sondergericht Hannover verurteilte ihn 1939 zu fünf Monaten Gefängnis. Die Strafe musste er im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen verbüßen. Nach dem Krieg erhielt er eine Haftentschädigung in Höhe von 750,00 DM. Der Landesrechnungshof kritisierte die Entschädigung, weil er kein politischer Überzeugungstäter gewesen sei und es sich bei ihm nur um „gewöhnliches Meckern“ gehandelt habe.

Autor: Dr. Joachim Woock